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Impuls zum Evangelium des 2. Sonntags der Osterzeit 2020, Joh 20, 19-31

Als Impuls bezeichnet man den Bewegungszustand eines physikalischen Objektes. Trifft nun ein mit einem Impuls versehenen Objekt auf ein anderes, dann findet bei diesem Stoßvorgang eine Impulsübertrag statt, so dass das getroffene Objekt einen Teil des Impulses aufnimmt und sich nun mit einem eigenen Impuls in einen Bewegungszustand versetzt. So in etwa und sehr vereinfacht die Erklärung des physikalischen Phänomens des Impulses. Wenn man schon einmal bei einem Billardspiel zugeschaut hat, denn kann man die Erscheinung des Impulses und der Impulsübertragung sehr anschaulich sehen und verfolgen.
Ähnlich soll es auch mit den geistlichen Impulsen sein. Ein geistlicher Impuls soll berühren, anstoßen. Und er soll im Sinne der Impulsübertragung in Bewegung setzen, er soll dazu anregen, den Anstoß aufzunehmen und dann in einen eigenen Impuls, also einen eigenen „Bewegungszustand“ zu versetzen.
So möchte ich Sie heute auch in Bewegung setzen und in Gedanken mit Ihnen auf eine kleine „Schatzsuche“ gehen. „Evangelium“ heißt ja „Frohe Botschaft“. Und ich möchte mit Ihnen herausfinden, wo denn diese „Frohe Botschaft“ im heutigen Evangelium steckt. 

 

Wir alle kennen das Evangelium des heutigen Tages als die biblische Geschichte von „ungläubigen Thomas“, wie sie landläufig auch bezeichnet wird. Und als Symbolfigur des Zweifels ist der Apostel Thomas schon längst als der „Ungläubige“ in unseren Sprachgebrauch eingegangen.
Als die Nachricht von der Auferstehung Christi immer mehr Menschen erreichte, und damit auch Thomas, blieb er in seinem Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Aussagen verhaftet. Thomas will unwiderlegbare Beweise, um Sicherheit für die behaupteten Meldungen über das Erscheinen Jesu zu erlangen.
Und dann, als sich die verängstigte Schar der Apostel wieder versammelt hat, hinter verschlossener Tür und auch Thomas unter ihnen ist, da kommt Jesus in ihre Mitte. Niemand weiß, wie er das konnte, aber plötzlich war er da. Und wieder erkennen wir: Bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Jesus grüßt sie alle mit dem bereits mehrfach gesprochenen Gruß: „Der Friede sei mit Euch!“ Und unmittelbar darauf sagt Jesus zu Thomas: „Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“
Und Thomas fällt vor Jesus nieder und sagt: „Mein Herr und mein Gott!“

 

 

Nun, Thomas als „ungläubig“ zu bezeichnen ist wohl überzogen und für mich zumindest der völlig falsche Ausdruck! Richtiger wäre wohl der zweifelnde Thomas. Und dieser Zweifel ist es, der Thomas uns so nahe bringt. Thomas ist jemand, mit dem auch wir uns identifizieren können. Denn Thomas bringt unsere eigenen Gefühle, unsere Fragen, unsere Zweifel, auch unsere Verzweiflung, mutig zum Ausdruck. Genauso wie für ihn ist es für uns nicht so einfach, angesichts so vieler Tragödien, Kriege, Katastrophen – ob Natur- oder humanitäre Katastrophen, Krankheiten und nicht zuletzt auch durch die weltweite Krise durch den Corona-Virus immer an Gott zu glauben und nicht zu zweifeln. Und die Widersprüchlichkeit von so vielen Aussagen und zwischen Sprache und Handeln helfen uns da auch nicht weiter, ganz im Gegenteil!

Thomas nun sagt uns: Glaube muss vernünftig sein und darf nicht von Einbildungen oder Erscheinungen abhängen. Es ist daher sehr empfehlenswert, ein Gerücht nachzuprüfen, bevor wir es weitererzählen.
Thomas lehnt es ab, ungeprüft etwas nachzusagen, aber er ist auch andererseits bereit, das Wagnis des Glaubens für sich einzugehen. Solche Einsichten können für uns sehr hilfreich sein.
Was uns aber besonders hilft ist zu sehen, wie Jesus dem unsicheren und zweifelnden Thomas, der seine Bedingungen stellt, begegnet. Jesus macht Thomas keine Vorwürfe, er belehrt oder tadelt ihn nicht. Jesus nimmt den Zweifel von Thomas ernst und geht auch in großer Ernsthaftigkeit damit um, er lässt den Zweifel des Thomas zu.
Die ermutigende und damit frohe Botschaft für uns heißt: Wenn wir über unsere Zweifel offen sprechen – was wir auch dürfen- , wenn wir unsere schwachen Seiten zulassen und uns auch mit unseren verwundeten Anteilen einander mitteilen, wenn wir sie gemeinsam aushalten - wie auch immer: im Reden, im Schweigen, im Miteinander-Weinen oder in einer stillen – zur Zeit nur gedanklich möglichen - Umarmung -, dann werden wir gemeinsam vorankommen, wir werden für uns und für andere tröstlich und heilsam Segen sein und vielleicht, ja sogar hoffentlich, eine Erfahrung von Auferstehung machen.
Wir können sicher sein, dass der auferstandene Christus uns nahe ist in den dunklen Stunden; dass er da ist, wo Menschen leiden; wo sie um ihr Leben, ihre Zukunft und ihren Glauben ringen, wo sie drauf und dran sind, zu verzweifeln, an ihren Zweifeln zu zerbrechen. Denn hat er nicht gesagt: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28,20)“?
Wir dürfen die Herausforderung annehmen, nicht „einfach so“ zu glauben, sondern wir dürfen Gott auch um Zeichen bitten, - so wie Thomas- , und wir dürfen es auch wagen, respektvoll unsere Bedingungen zu formulieren, damit wir befähigt werden, die Zeichen Gottes zu erkennen, die er uns sendet.
Was für Thomas gilt, gilt auch für uns und für alle Zeiten: Der Auferstandene hat die Wundmale nicht abgelegt und sie verschwinden lassen. Sicherlich hätte er das gekonnt, aber sie sind für uns alle sichtbar, so wie all die Wundmale der heutigen Zeit – wir kennen sie alle, sehen sie im Fernsehen, hören davon im Rundfunk, lesen es in den Zeitungen und spüren sie aber auch selbst im täglichen Leben - , weshalb wir in unserem tiefen Inneren berechtigte Widersprüche gegen die Hoffnung hegen und weshalb wir vielleicht auch an Gottes lebendiger Gegenwart zweifeln - vielleicht.
Unser Blick aber auf den tödlich verwundeten und auferstandenen Christus kann uns helfen, dass wir fähig werden, unsere eigenen Verletzungen und auch unsere Zweifel anzuschauen, sie anzunehmen, sie miteinander zu teilen und die wir dann, in Seiner Nähe, durchstehen können, ohne Schaden zu nehmen.
Die Erfahrung des Zweifels kann also auch heilsam sein. Für den Apostel Thomas damals und für uns heute. Und wenn wir mit Gottes Hilfe das Tal des Zweifels durchschritten haben und am Ende mit dem Gewinn der Erkenntnis sagen können: „Mein Herr und mein Gott!“, dann wird uns nichts mehr erschüttern, denn dann leben wir in der Gewissheit und in der Seligkeit, die Jesus uns zugesprochen hat, als er sagte: Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben.
Na, wenn wir da auf unserer „Schatzsuche“ nicht einige Goldkörnchen gefunden haben und wenn das keine Frohe Botschaft ist, - dann weiß ich es nicht.
So hoffe ich, dass dieser Impuls eine Impulsübertragung bewirkt und somit zu einem neuen Bewegungszustand führt, sie bewegt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine zweifelsfreie Zeit, bzw. das bestehende Zweifel ausgeräumt werden können, seien sie auch noch so groß.
Bleiben Sie gesund!
Diakon Hans Georg Bach
Pfarreiengemeinschaft Langenfeld

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 08. Mai 2020 um 20:44 Uhr